Eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt ein gesellschaftliches Dilemma: Viele Menschen in Deutschland erkennen die Risiken sozialer Medien deutlich, ändern ihr Nutzungsverhalten aber kaum. Für Politik, Unternehmen und Kommunikation wird damit entscheidend, Vertrauen nicht nur zu fordern, sondern erlebbar zu machen.
Große Sorgen, geringe Wechselbereitschaft: Was die Bertelsmann-Studie über Social Media zeigt
Soziale Medien sind für viele Menschen längst Infrastruktur des Alltags. Sie informieren, unterhalten, verbinden Freundeskreise, organisieren Gruppen und prägen politische Debatten. Gleichzeitig wachsen Misstrauen, Sorge und Kritik. Genau dieses Spannungsverhältnis untersucht die Studie „Große Sorgen, hohe Erwartungen an Politik und Europa – Wie Deutschland auf Social-Media-Plattformen und Messengerdienste blickt“ der Bertelsmann Stiftung in Kooperation mit Agora Digitale Transformation.
Der zentrale Befund ist unbequem: Die Bevölkerung in Deutschland erkennt die Risiken digitaler Plattformen sehr deutlich. Doch daraus folgt nur selten eine Veränderung des eigenen Nutzungsverhaltens. Stattdessen richtet sich die Erwartung vor allem an Politik, Europäische Union und Plattformbetreiber.
Die Plattformen bleiben – trotz Kritik
Die Studie zeigt, wie fest große Plattformen im Alltag verankert sind. Besonders stark genutzt werden WhatsApp mit 89 Prozent, YouTube mit 70 Prozent, Facebook mit 54 Prozent und Instagram mit 49 Prozent. TikTok folgt mit 21 Prozent deutlich dahinter. Dezentrale oder offene Alternativen wie Bluesky und Mastodon spielen mit jeweils rund zwei Prozent aktueller Nutzung bislang kaum eine Rolle.
Auffällig ist dabei: Viele Nutzerinnen und Nutzer konsumieren eher passiv. Rund 70 Prozent der Social-Media-Nutzenden schauen oder lesen vor allem Inhalte anderer, ohne selbst regelmäßig zu posten, zu kommentieren oder zu teilen. Social Media ist damit für viele weniger Bühne als Hintergrundrauschen des Alltags: verfügbar, vertraut, bequem.
Die wichtigsten Nutzungsmotive sind entsprechend pragmatisch. 66 Prozent nennen den Kontakt zu Freundinnen, Freunden und Bekannten, 54 Prozent Unterhaltung. Politische Nachrichten sind mit 28 Prozent deutlich seltener ein Hauptmotiv. Auch bei den Anforderungen an Plattformen zeigt sich ein nüchterner Blick: Kostenlose Nutzung, Datensicherheit, die Anwesenheit des eigenen Netzwerks sowie klare Regeln gegen Hass und Hetze gehören zu den wichtigsten Erwartungen.
Risiken sind bekannt – aber sie verändern wenig
Die Befragten wissen um die problematischen Seiten sozialer Medien. Etwa zwei Drittel der Social-Media-Nutzenden berichten von negativen Erfahrungen. Am häufigsten genannt werden Spam und unerwünschte Kontaktaufnahme mit 43 Prozent, Beleidigungen oder persönliche Angriffe mit 21 Prozent, Account-Einschränkungen oder Löschungen eigener Inhalte mit jeweils 13 Prozent sowie Hassrede oder Diskriminierung mit 12 Prozent.
Trotzdem geben 73 Prozent der Befragten an, sich mit den Risiken digitaler Plattformen arrangiert zu haben. Nur 18 Prozent können sich vorstellen, soziale Medien vollständig aufzugeben; bei Messengerdiensten sind es 16 Prozent. Die Bereitschaft, neue Plattformen auszuprobieren, ist etwas höher, bleibt aber begrenzt.
Darin liegt eine zentrale Erkenntnis der Studie: Kritik führt nicht automatisch zu Wechselbereitschaft. Plattformmacht entsteht nicht allein durch Marktanteile, sondern auch durch Gewohnheit, soziale Netzwerkeffekte und fehlende Alternativen, die im Alltag tatsächlich mithalten können.
Sorge um öffentliche Meinung und Demokratie
Besonders deutlich fällt das Problembewusstsein dort aus, wo es um öffentliche Meinungsbildung geht. 79 Prozent der Befragten haben den Eindruck, dass digitale Plattformen gezielt steuern, welche Inhalte Reichweite erhalten. 77 Prozent sehen soziale Medien zunehmend als Instrument politischer Einflussnahme. 71 Prozent sorgen sich um den Einfluss großer Plattformen auf die öffentliche Meinung.
Damit verschiebt sich die Debatte: Plattformen werden nicht mehr nur als private Kommunikationsdienste gesehen, sondern als Räume gesellschaftlicher Macht. Wer Sichtbarkeit verteilt, Debatten strukturiert und Daten kontrolliert, beeinflusst auch demokratische Prozesse.
Genau hier setzen europäische Regulierungsansätze wie der Digital Services Act und der Digital Markets Act an. Sie sollen Risiken digitaler Dienste begrenzen, sehr große Plattformen stärker in die Pflicht nehmen und die Marktmacht sogenannter Gatekeeper eindämmen. Die Studie zeigt jedoch auch: Regulierung wird zwar breit unterstützt, ihre konkrete Wirkung bleibt für viele Menschen im Alltag noch zu wenig sichtbar.
Die Mehrheit will Regulierung – aber verständlich und sichtbar
Die Zustimmung zu Regulierung ist hoch. 85 Prozent der Befragten befürworten höhere Geldstrafen für Plattformbetreiber bei Regelverstößen. 80 Prozent unterstützen Sperrungen oder Verbote, wenn Plattformen wiederholt gegen Regeln verstoßen. 67 Prozent sprechen sich für die Förderung europäischer Alternativen aus, 62 Prozent für verpflichtende Interoperabilität zwischen Plattformen.
Gleichzeitig zeigt die Studie ein Wahrnehmungsproblem. Viele Menschen begrüßen europäische Regulierung grundsätzlich, nehmen ihre konkrete Wirkung im Alltag aber kaum wahr. Die Bertelsmann Stiftung leitet daraus drei Handlungsfelder ab: Regulierung muss konsequent durchgesetzt und sichtbar gemacht werden; Plattformpolitik muss in die Sprache der Nutzerinnen und Nutzer übersetzt werden; europäische und offene Alternativen müssen funktional konkurrenzfähig sein.
Was das für Unternehmen und Kommunikation bedeutet
Für Unternehmen, Marken und öffentliche Institutionen liegt in diesen Ergebnissen eine klare Botschaft: Social Media bleibt relevant, aber die kommunikative Umgebung wird anspruchsvoller. Reichweite allein reicht nicht mehr. Wer digital kommuniziert, muss Glaubwürdigkeit, Transparenz und Verantwortung aktiv mitdenken.
Das betrifft die Wahl der Kanäle ebenso wie die Tonalität, das Community-Management, den Umgang mit Daten und die Frage, wie abhängig die eigene Kommunikation von wenigen Plattformen sein soll. Eine zukunftsfähige Kommunikationsstrategie braucht deshalb beides: Präsenz dort, wo Menschen tatsächlich sind, und ein Bewusstsein für die Risiken dieser Abhängigkeit.
Für BEER consulting ist die Studie damit mehr als ein Stimmungsbild zur Social-Media-Nutzung. Sie ist ein Hinweis darauf, dass digitale Kommunikation strategischer werden muss. Unternehmen sollten Plattformen nicht nur als Reichweitenkanäle betrachten, sondern als Räume, in denen Vertrauen gewonnen oder verloren wird.
Resümee
Die Bertelsmann-Studie zeigt eine digitale Gesellschaft im Widerspruch: Die Sorgen sind groß, die Gewohnheiten stark, die Erwartungen an Politik und Europa hoch. Menschen wollen Schutz, klare Regeln und glaubwürdige Alternativen – aber sie wollen zugleich nicht auf Komfort, Kontakte und vertraute Routinen verzichten.
Für Politik bedeutet das: Regulierung muss nicht nur beschlossen, sondern verständlich erklärt und im Alltag erfahrbar werden. Für Unternehmen bedeutet es: Wer digital sichtbar sein will, braucht mehr als Content. Er braucht Haltung, Verlässlichkeit und eine Kommunikationsstrategie, die Plattformmacht realistisch einordnet.
Quellen
- Bertelsmann Stiftung: Freihse, C., Soydaş, A. & Benert, V. (2026): Große Sorgen, hohe Erwartungen an Politik und Europa – Wie Deutschland auf Social-Media-Plattformen und Messengerdienste blickt. Bertelsmann Stiftung, Gütersloh. DOI: 10.11586/2026081.
- Europäische Union / Europäische Kommission: Digital Services Act und Digital Markets Act.