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Dezentrale Social Media: Wie Fediverse und Bluesky ein demokratischeres Netz ermöglichen sollen

Mit dem Report „Dezentrale Social-Media-Plattformen als Chance für ein resilientes Informationsökosystem“ legt die Bertelsmann Stiftung eine umfassende Bestandsaufnahme offener, dezentraler Netzwerke wie Mastodon und Bluesky vor – samt konkreter Handlungsempfehlungen für Politik und Zivilgesellschaft. BEER consulting fasst die zentralen Befunde zusammen und ordnet die Implikationen für Organisationen ein.

Ausgangslage: Big Tech als Nadelöhr der digitalen Öffentlichkeit

TikTok, Instagram, YouTube und X (ehemals Twitter) sind zu zentralen Orten politischer und gesellschaftlicher Kommunikation geworden – und damit faktisch zu einer kritischen Infrastruktur. Das Problem: Diese Öffentlichkeit wird fast vollständig von wenigen, überwiegend US-amerikanischen oder chinesischen Konzernen kontrolliert.

Der Report verweist auf drei miteinander verwobene Risiken:

  • Aufmerksamkeitsökonomie und Algorithmen: Feeds werden auf maximale Verweildauer und Werbeeinnahmen optimiert. Emotionalisierte, polarisierende oder desinformierende Inhalte werden überproportional belohnt – mit Folgen für die Qualität politischer Debatten (u. a. Lorenz-Spreen et al. 2023; Berners-Lee 2025).
  • Datengetriebene Geschäftsmodelle: Umfangreiche Datensammlung und Profilbildung stehen in einem Spannungsverhältnis zu europäischen Datenschutzstandards und digitaler Souveränität.
  • Strukturelle Machtkonzentration: Ein Oligopol weniger Konzerne bestimmt Zugangsbedingungen, Moderationsregeln und Sichtbarkeit – meist ohne demokratische Kontrolle (u. a. Andree 2025; Theil 2022).

Vor diesem Hintergrund versteht der Report offene, dezentrale Social-Media-Plattformen als machtpolitisches Gegengewicht – nicht als vollständigen Ersatz, sondern als „Korrektiv“, das Wettbewerb, Transparenz und Wahlfreiheit stärkt.

Was dezentrale Alternativen auszeichnet

Im Fokus stehen zwei technische Ökosysteme:

  • das Fediverse auf Basis des offenen Protokolls ActivityPub,
  • und die „ATmosphere“ rund um Bluesky und das Protokoll ATProto.

Beiden gemeinsam ist:

  • Sie beruhen auf offenen Protokollen – standardisierten „Spielregeln“, die es ermöglichen, dass viele unterschiedliche Dienste miteinander kommunizieren, ohne einer zentralen Instanz zu unterstehen (u. a. Berger et al. 2023; Denault 2025).
  • Nutzer:innen können prinzipiell Profile mitnehmen (Datenportabilität) und zwischen Instanzen oder Diensten wechseln („credible exit“), ohne ihr soziales Netzwerk vollständig zu verlieren.
  • Regeln, Moderation und Datennutzung werden lokaler und transparenter entschieden; oftmals von Vereinen, zivilgesellschaftlichen Organisationen oder kleinen Betreibergemeinschaften.

Der Report betont zugleich: Dezentrale Architekturen sind kein Garant für demokratische Qualität. Fragen der Governance, Moderation und Skalierbarkeit bleiben zentrale Baustellen (u. a. Redecker 2022; Thouvenin et al. 2024).

Fediverse / Mastodon: Community-getragen, aber ressourcenarm

Das Fediverse – allen voran Mastodon – gilt als Prototyp eines offenen, föderierten Social-Web-Ökosystems. Auf Basis von ActivityPub sind derzeit Schätzungen zufolge mehrere tausend aktive Mastodon-Server online, mit insgesamt mehreren Millionen registrierten Accounts.

Charakteristisch sind:

  • die Vielfalt der Instanzen – von regionalen Angeboten wie bonn.social bis zu thematischen Communities wie chaos.social oder Instanzen öffentlicher Einrichtungen (z. B. social.bund.de),
  • ein Ökosystem aus Diensten, die zentrale Big-Tech-Plattformen nachbilden: Pixelfed (Bilder), PeerTube/OwnCast (Video & Livestreams), FunkWhale/CastoPod (Audio), Lemmy (Foren), Gancio/Mobilizon (Events), Bookwyrm (Bücher) u. a.

Gleichzeitig zeigen sich Grenzen:

  • Die Nutzung gilt vielen als technisch anspruchsvoll; Onboarding und Nutzerführung sind häufig weniger komfortabel als bei kommerziellen Plattformen (u. a. Peña-Fernández et al. 2025).
  • Der Betrieb vieler Instanzen beruht auf ehrenamtlicher Arbeit, Spenden und Sponsoring. Auch die Kernorganisation Mastodon gGmbH bleibt – trotz wachsender Bedeutung – ein Kleinstakteur mit begrenzter personeller Ausstattung.
  • Es gibt Tendenzen zur Rezentralisierung: Ein erheblicher Anteil des Traffics konzentriert sich auf wenige große Instanzen, was die Resilienz des Netzwerks mindern kann.

Bluesky / ATProto: Skalierbar, aber noch abhängig von einem Unternehmen

Mit Bluesky ist in kurzer Zeit ein zweites dezentrales Ökosystem entstanden. Die Plattform basiert auf dem Protokoll ATProto, das eine verteilte Datenarchitektur (Personal Data Server, PDS) mit einer – bislang noch zentralisierten – Identitätsverwaltung kombiniert.

Laut Report nutzen weltweit inzwischen mehrere Dutzend Millionen Menschen Bluesky; interne Nutzungskennzahlen deuten auf eine wachsende Basis täglich aktiver Accounts hin.

Zentrale Punkte der Analyse:

  • ATProto ermöglicht einen „credible exit“: Fällt ein Server aus, können Identität und Inhalte grundsätzlich auf einen anderen PDS übertragen werden – ein Unterschied zur heutigen Praxis vieler Fediverse-Instanzen.
  • Bluesky setzt auf modulare, zuschaltbare Algorithmen und Moderationsfilter, die Nutzer:innen wählen können; darin liegen sowohl Transparenzchancen als auch neue Geschäftsmodelloptionen (u. a. Kleppmann et al. 2024; Zeff 2024).
  • Die Finanzierung erfolgt überwiegend über Risikokapital. Das wirft Fragen nach künftiger Monetarisierung und ihrer Vereinbarkeit mit dem Anspruch auf Dezentralität auf.
  • Datenschutzexpert:innen beurteilen Bluesky kritischer als viele europäische Mastodon-Instanzen – unter anderem wegen außerhalb der EU verarbeiteter personenbezogener Daten und öffentlich einsehbarer Blocklisten (u. a. Lemmer-Webber 2024; Rijo 2025).

In der Bewertung der Autor:innen ergibt sich ein ambivalentes Bild: ATProto zeigt, wie skalierbare, offene Social-Media-Architektur aussehen kann – gleichzeitig besteht eine hohe Abhängigkeit von Bluesky PBC als zentralem Akteur, die bislang nicht vollständig mit europäischen Vorstellungen digitaler Souveränität übereinstimmt.

Governance & Interoperabilität: Der eigentliche Knackpunkt

Im Zentrum des Reports steht die Feststellung, dass Governance – also die Verteilung von Verantwortung, die Ausgestaltung von Regeln und Konfliktlösungsmechanismen – entscheidend dafür ist, ob dezentrale Netzwerke ihren demokratischen Anspruch einlösen können.

Offene Fragen betreffen unter anderem:

  • den Aufbau unabhängiger Moderationsstrukturen,
  • die Sicherung von Identität und Datenportabilität über Instanzgrenzen hinweg,
  • die Durchsuchbarkeit föderierter Netzwerke, ohne neue Monopolbildungen zu erzeugen,
  • und die Einbindung staatlicher sowie zivilgesellschaftlicher Akteur:innen in transparente Governance-Modelle.

Gleichzeitig verweist der Report auf Ansätze, die auf Interoperabilität zwischen Protokollen setzen: Tools wie Bridgy Fed oder Bounce ermöglichen bereits heute Interaktionen oder Account-Migration zwischen Mastodon und Bluesky, ohne dass Follower verloren gehen – wobei diese Brücken selbst wieder zu kritischen Infrastrukturschnittstellen werden.

Drei strategische Hebel: Was der Report empfiehlt

Die Autor:innen fassen ihre Handlungsempfehlungen in drei „strategischen Hebeln“ zusammen: Produkt, politischer Rahmen, gesellschaftliche Verankerung.

1. Produktqualität und Nutzererlebnis verbessern

Dezentrale Alternativen müssen im Alltag konkurrenzfähig werden – nicht nur in ihrer Werteorientierung. Genannt werden insbesondere:

  • Benutzerfreundliche Oberflächen und niedrigere Einstiegshürden,
  • bessere Onboarding-Prozesse, Migrationshilfen und Peer-to-Peer-Unterstützung für Wechselwillige,
  • Forschung zu Nutzerbedürfnissen, um Angebote zielgruppengerecht zu gestalten,
  • transparente Governance-Regeln und gemeinsame Qualitätsstandards,
  • mehr öffentliche Inhalte (z. B. von Medienhäusern, Wissenschaft und Behörden) auf offenen Plattformen.

2. Politische Rahmenbedingungen stärken

Damit offene Netzwerke langfristig bestehen, braucht es einen belastbaren rechtlichen und finanziellen Unterbau:

  • Anpassung des Gemeinnützigkeitsrechts, um digitale Infrastrukturen und Protokollentwicklung als förderfähige Zwecke anzuerkennen – eine Lehre u. a. aus der aberkannten Gemeinnützigkeit der Mastodon gGmbH in Deutschland.
  • Aufbau von Förderprogrammen für offene Protokolle und Infrastruktur im Sinne digitaler Commons.
  • Verpflichtende Interoperabilität für große Plattformen im Rahmen von EU-Regelwerken wie Digital Services Act (DSA) und Digital Markets Act (DMA), einschließlich der Einbeziehung föderierter Protokolle wie ActivityPub und ATProto.
  • Systematische Einbindung dezentraler Netzwerke in digitale Strategien, Multi-Stakeholder-Gremien und Regulierungsdiskussionen.

3. Gesellschaftliche Verankerung als öffentlicher Auftrag

Schließlich argumentiert der Report, offene Netzwerke müssten ähnlich wie Rundfunk oder Presse als demokratiestärkende Infrastruktur verstanden werden – bislang fehlt dafür ein klares Mandat.

Vorgeschlagen werden unter anderem:

  • gezielte Öffentlichkeitsarbeit, Bildungsprogramme und Workshops, um Vorteile wie Datenschutz, digitale Souveränität und Teilhabe zu vermitteln,
  • der Aufbau eines Netzes von mindestens 1.000 „Knotenpunkten“ – etwa in Schulen, Vereinen oder Community-Projekten –, die dezentral vernetzt sind und demokratische Lernräume im Social Web schaffen,
  • die Stärkung unabhängiger Forschung und zivilgesellschaftlicher Begleitung der Entwicklung dezentraler Plattformen.

Was heißt das für Organisationen – und für BEER consulting?

Für Politik, Medienhäuser, Verwaltungen, Wissenschaft und Unternehmen ergibt sich aus dem Report ein klarer Auftrag:

  • informiert zu experimentieren – etwa indem neben bestehenden Kanälen bewusst ein zusätzlicher offener Kanal aufgebaut wird („Plus-Eins“-Strategie),
  • Kompetenzen für Governance und Moderation aufzubauen, die zur Logik dezentraler Netzwerke passen,
  • und bei digitalen Strategien Interoperabilität und Datenportabilität als Leitprinzip mitzudenken statt nachträglich „offene Schnittstellen“ anzuflanschen.

Aus Sicht einer Beratung wie BEER consulting heißt das: Organisationen brauchen nicht nur technische Lösungen, sondern vor allem strategische Orientierung – vom Aufsetzen eigener Instanzen über die Einbettung in Kommunikationsstrategien bis hin zur Abstimmung mit Compliance, Datenschutz und IT-Governance.

Quellen (Auswahl)

  • Staschen, B., Foerster, S., Ruthardt, C. & Freihse, C. (2025): Dezentrale Social-Media-Plattformen als Chance für ein resilientes Informationsökosystem. Bertelsmann Stiftung.
  • Berger, C. et al. (2023): Dezentralisierung als Demokratisierung: Mastodon statt Plattformmacht. Bertelsmann Stiftung.
  • Ciriello, R. F. et al. (2025): Decentralized Social Media. Business & Information Systems Engineering.
  • Lorenz-Spreen, P. et al. (2023): A systematic review of worldwide causal and correlational evidence on digital media and democracy. Nature Human Behaviour.
  • Kleppmann, M. et al. (2024): Beiträge zur technischen Ausgestaltung verteilter Social-Media-Architekturen (u. a. zu ATProto).
  • Lemmer-Webber, C. (2024): Analysen zu Datenschutz und Governance im Fediverse.
  • Rijo, D. (2025): Einschätzungen zu Datenschutzimplikationen von Bluesky und ATProto.
  • Weitere Fachtexte und Online-Quellen, u. a. Andree (2025), Theil (2022), Redecker (2022), Thouvenin et al. (2024), Denault (2025).